Astrid Tomczak-Plewka
Scheitern. Scheitern. Und nochmals scheitern: Für Forscherinnen und Forscher ist das oft Alltag. Hyun Suk Wang ist da keine Ausnahme. Der Südkoreaner tüftelte für seine Dissertation an der ETH an einem Verfahren, um Plastik vollständig zu recyceln, im Klartext: Die Grundbausteine zu 100% wieder herzustellen. Ein halbes Jahr lang führte er Experiment um Experiment durch. Erfolglos. Dann, nach einem halben Jahr – ein Hoffnungsschimmer: 0.5% des Kunststoffs hatte sich tatsächlich zurückverwandelt. «Dieses kleine Signal zeigte mir: Es könnte funktionieren. Ich war wieder voll motiviert», erinnert sich Wang.
Wichtiger Ansatz in Kreislaufwirtschaft
Der Durchbruch, den der Doktorand nach diesen frustrierenden Monaten erreichte, hat ihm nicht nur die Begeisterung für sein Fach zurückgegeben, sondern ihm jetzt auch den Prix Schläfli in Chemie beschert. Das Verfahren nennt sich Depolymerisation und beschäftigt die Forschung schon seit Jahren intensiv. Neu ist der kontrollierte Rückbau: «Plastik besteht aus langen Ketten», erklärt der junge Materialwissenschaftler. Er hat eine Methode entwickelt, mit der sich diese Ketten gleichmässig und langsam abbauen lassen – und nicht einfach zerfallen wie bisher. Auch der Aufbau der Ketten lässt sich damit genau bestimmen. «Man muss sich das vorstellen wie farbige blaue und rote Perlen auf einer Schnur», erklärt der 32-Jährige. «Mit der kontrollierten Depolymerisation können wir ihre Anordnung bestimmen.» Damit hat der Südkoreaner einen wichtigen Beitrag auf zwei Gebieten geleistet. «Es hilft sowohl in Bezug auf die Kreislaufwirtschaft als auch bei der Kunststoffcharakterisierung.»
Geboren ist Wang in Südkorea, aufgewachsen in Hongkong als zweiter Sohn einer Linguistin und eines Geschäftsmanns. Fürs Studium ist er in sein Geburtsland zurückgekehrt. Fürs Chemieingenieurstudium entschied er sich, weil es «handfester und intuitiver» und «nicht so abstrakt» sei, wie beispielsweise Literatur oder Geschichte. Der Prix Schläfli bedeutet ihm sehr viel – zum einen wegen der Geschichte: «Der Stifter schien nicht besonders reich zu sein, aber er mochte die Wissenschaft so sehr, dass er beschlossen hat, alles für die Forschung zu spenden», erzählt er. «Das war für mich inspirierend und hat mich sehr berührt.» Zum anderen ist da die Tatsache, «dass sich jemand tatsächlich die Mühe nimmt, meine Publikationen zu lesen und die möglichen Auswirkungen zu erkennen.»
«Er ist bekannt für seine Kollegialität»
Es mag nach Koketterie klingen, aber wer das Empfehlungsschreiben seiner Betreuerin liest, stellt fest: Hyun Suk Wang ist trotz seines wissenschaftlichen Talents bescheiden geblieben. Die Betreuerin schildert eine Episode, die Wang eigentlich kaum für erwähnenswert hält. Die Szene spielte sich an einer Konferenz der American Chemical Society ab. Ein Nachwuchsforscher wurde von einer «nicht sehr netten» Frage aus dem Publikum aus dem Konzept gebracht. Wang hätte die Gelegenheit nutzen können, sich selbst ins Rampenlicht zu rücken. Er tat es nicht. «Mein Kollege hatte die Frage nicht richtig verstanden, weil sein Englisch noch nicht so gut war. Ich wollte nicht für ihn antworten – das hätte ihn blossgestellt. Also half ich ihm einfach, die Frage zu verstehen, damit er sie selbst beantworten konnte.» Für Wangs Mentorin Athina Anastasaki ist diese Episode typisch für die Persönlichkeit ihres Doktoranden: «Er ist bekannt für seine Kollegialität und seinen Respekt», schreibt sie. Für Wang ist klar: «Wenn jeder nur auf seine eigenen Interessen achtet, kann das ziemlich toxisch werden. Es saugt einfach die Seele aus allem heraus.»
Beseelt ist Wang auch beim Sport: Seit er ein kleiner Junge ist, spielt er leidenschaftlich Basketball. Mit seinen 1.75 Metern Grösse ist er ein eher kleiner Spieler – seine Stärke liegt denn auch bei Pässen und Distanzwürfen. Auch Wintersport betreibt er gerne. Und seit er seine Frau kennt, hat er sein kulturelles Repertoire erweitert: Sie ist Opernsängerin am Theater Basel. «Ich musste mich erst daran gewöhnen», erzählt er lachend. «Wir sind es gewohnt, dass sich eine Geschichte schnell entwickelt. Die Oper braucht Zeit.» Doch inzwischen hat er Gefallen daran gefunden. «Ich trinke ein Glas Wein und tauche dann in die Opernwelt ein.»
«Man sollte etwas Gutes bewirken wollen»
Gerne würde Wang eines Tages als Professor eine eigene Forschungsgruppe aufbauen. «Am liebsten so eine wie die, in der ich jetzt tätig bin, wo die Leute sich nicht gegenseitig fertig machen, aber intensiv gemeinsam an einer Sache arbeiten und die Leute dazu bringen, ihr Potenzial zu entfalten.» Und dann schiebt er nach: «Ich möchte den Begriff Philanthropie nicht verwenden. Aber ja: Wenn man Forschung betreibt, sollte man im Hinterkopf behalten, etwas Gutes bewirken zu wollen.»